Es fällt mir leicht zu fühlen was sie fühlt. Viele Eltern von Kindern mit Behinderung kennen das. Die Zerissenheit zwischen Potenzial und dessen Ausschöpfung. Zwischen Förderung und Überforderung. Den Verlust der Leichtigkeit in der Beziehung.
„Weißt du, wie sehr ich zu schätzen weiß, dass du es überhaupt versuchst? Du bist mit so einer Offenheit und Neugier auf Tilli zu, das allein berührt mich sehr.
Es ist nur so, dass Tillmann schwimmen lernen muss! Weil es ein Gefahrenpotenzial ist, wie du richtig erkannt hast. Er ist uns bereits zweimal mit voller Montur und Absicht in einen See gelaufen. Einmal davon hatten wir einfach Glück, dass das Kind unserer Freunde es gesehen hat, während wir durch die anderen drei abgelenkt waren. Mein Mann und eine Freundin sind damals ins Wasser gerannt um ihn wieder hochzuziehen.“
Vor meinem inneren Auge sehe ich die Szene ablaufen, während Tillis Trainerin sichtlich geschockt ist.
„Wir haben derzeit keinen Therapeuten dafür an der Hand, doch das wird sich finden. Es ist wirklich ok, wenn du heute und hier entscheidest, dass es nicht geht. Ich weiß wieviel es abverlangt. Und du kannst auf keine Erfahrung zurückgreifen.“
„Ich will das wirklich gern machen, ich liebe meine Arbeit! Doch wenn das mit dem Weglaufen und ‚nicht hören’ so bleibt, ist es echt schwer.“ „Ja, das glaube ich dir“, sage ich und meine es auch so. Denn auch für uns war dieser Weg schwer. Auch wir haben es erst mit Tilli gelernt, was es heißt wirklich aufeinander zu achten und die Frustration auszuhalten, Dinge immer und immer wieder zu sagen.
„Andererseits will ich nicht einfach aufgeben!“ „Das kann ich sehen.“ Wir schweigen erneut einen Moment. Tilli zieht sich das Handtuch fester um die Schultern.
„Hör zu: was hältst du von der Idee, heute keine Entscheidung treffen zu müssen? Du überlegst es dir bis zum nächsten Schwimmtraining der Zwillinge und ein Nein ist ebenso willkommen wie ein Ja. Ist das ok für dich?“
Sie nickt. Der Stress und Druck fallen sichtlich von ihr ab. Das Ringen mit der Entscheidung bleibt noch ein wenig.
Tilli merkt, dass das Gespräch endet. Dreht sich auf meinem Arm zu ihr um. Drückt ihre Hand. „Tschüss!“, sagt er. Sie lächeln sich an. Haben einen guten Draht zueinander. Eine der besten Voraussetzungen. Jetzt fehlen nur noch Vertrauen, Sicherheit und Gelassenheit.
„Tschüss, Tilli“, sagt sie und streicht ihm über den nassen Hinterkopf.
Auf dem Heimweg merke ich, dass mir entgegen all dem Verständnis trotzdem das Herz schwer wird. Weil Inklusion von uns allen erfordert, in einer Welt die uns darauf trimmt funktional zu sein, zuzulassen, uns genau aus diesem Gefängnis starrer Erwartungen zu lösen.