Der zweite Therapietag hatte zwei Einheiten am Vormittag und eine am Nachmittag. Zuerst standen Turnen und Mundtüte auf dem Programm. Ich war hochmotiviert. Tilli, der nicht abschätzen konnte, dass ihm das Programm von gestern nun für weitere vier Tage bevorstand, war ebenfalls gut gelaunt. So starteten wir nach einem ausgiebigen Frühstück mit dem Kinderwagen gen Therapiezentrum. Größtes Higlight war und bleibt vermutlich der Fahrstuhl. Dafür zog sich Tilli sofort bereitwillig aus und war Feuer und Flamme, wenn es darum ging, loszulegen. Die erste Enttäuschung war bereits vorprogrammiert, da die erste Einheit im Erdgeschoss stattfand.
Eine junge Physiotherapeutin holte den sichtlich ungehaltenen Tillmann und mich in der Gaderobe ab, der doch den einfachen Plan gehabt hatte Fahrstuhl zu fahren. Aus lauter Protest wirft sich Tilli mit der Stirn voran und voller Wucht auf den Fußboden. Das Verhalten ist mir aus Tillis bisher schlimmsten emotionalen Phasen bereits bekannt. Dennoch erfasst es mich wie immer eiskalt und ich nehme ihn in sekundenschnelle hoch, bevor er die Chance ergreift und seiner Enttäuschung mit dem gleichen Verhalten nochmals Ausdruck verleiht. Als ich leicht gestresst den Blick hebe, weil ich mich schuldig fühle und zugleich hilflos, schaue ich in Elterngesichter, die mir vollstes Verständnis entgegenbringen. Unsere Therapeutin geht relativ unbeirrt voraus und in den großen Therapieraum mit Matten und Sprossenwand. Und als wäre nichts gewesen, stürmt Tillmann die Sprossenwand und ist für den Moment ausgelassen wie zuvor.
Etwas das mir immer wieder während unserer Woche dort auffällt, ist, wie fokussiert die Therapeuten sind. Ich werde kurz gefragt, ob Tillmann öfter solches Verhalten zeigt. Ich denke an das vergangene Jahr. An die Eifersucht. An blaue Flecken auf seiner kleinen glatten Stirn, die wir nicht verhindern konnten, wenn seine Emotionen ihn überkamen und unsere Hände nicht schnell genug Schutz vor dem Aufprall auf dem Boden boten. „Mittlerweile nicht mehr. Aber wenn ihm Dinge zu viel werden, oder er sich außen vor fühlt und unsere ungeteilte Aufmerksamkeit fordern will, dann passiert es manchmal schneller als wir es vorhersehen können.“ Sie nimmt es auf und kommentiert es mit einem sanften „Ok“, bevor sie Tillmann fragt, ob wir loslegen wollen. Der erfasst die Situation in Sekundenschnelle und will plötzlich zur Tür. Ich hole ihn ein und will mit ihm gemeinsam zur Matte. Das hat zur Folge, das beginnt, was nun fast zur Routine bei den Einheiten mit Physio wird: viel physische Gegenwehr. Gegen mich, die Therapeuten, sich selbst und alle Gegenstände die erreichbar sind und durch die Gegend gefeuert werden können.
Nachem ich Tillmann beruhigen konnte und ihm versichere, dass wir einfach Sport machen, so wie sonst bei der Physio, lässt er sich hinlegen. Für etwa zwei Bewegungsabfolgen. Danach folgt wieder haarsträubender Protest. Ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet. Ja, unser Sohn hat einen wirklichen Sturkopf, viel Durchsetzungsvermögen und nur selten Lust Forderungen zu erfüllen, doch nichts an dem Turnprogramm ist schlimm. Wirklich. Ich kann nicht einmal behaupten, dass es mit grober Handlungsweise durchgezogen wird. Im Gegenteil, alle Therpeuten ziehen das Ganze einfach durch. Mit viel Ruhe, Gesang, Motivation und Lob bei nur der kleinsten Form von Kooperation.
Nach der ersten Einheit bin ich schweißgebadet, auch wenn mich die Therapeutin lobt, weil ich so ruhig bleibe und Tilli gut motiviere und einbeziehe. Doch das Lob geht irgendwie an mir vorbei. Genau wie Tilli, der nach dem Anziehen augenblicklich die Garderobe stürmt, um den Fahrstuhl zu rufen. Der ist aber ausgewiesener Maßen kein Spielzeug und ich mache mich durch mein striktes Nein nur noch unbeliebter bei ihm.
Auf dem Rückweg durch den pladdernden Regen sitzt Tilli ausgelassen im Kinderwagen, während ich geknickt bin. Bisher lässt mich kein Verhalten, noch die Therapie an ihrer Richigkeit zweifeln, oder gibt mir das Gefühl Tillmann wirklich zu zwingen. Schrecklich fühlt es sich trotzdem an. Diese Rebellion. Dieses nicht erklären können, weshalb ich denke es tue ihm gut. Dabei bin ich mit jeder Einheit mehr davon überzeugt. Man wird unheimlich gut einbezogen, bekommt alle Hintergründe zu Bewegungsabläufen und ihrer Bedeutung im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung nahegelgt. Ich werde unfassbar gut angeleitet und weiß, dass wir hier etwas an die Hand bekommen, dass Tillmann leisten kann und ihm langfristig wirklich etwas bringt. Nur lassen sich langfristige Konsequenzen einem Dreijährigen schwer nahebringen, wenn der Weg dahin so wenig Spaß macht.
Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie ich es derzeit fände, wenn Alfi mich beispielsweise jeden Tag Trainingsvorbereitung für einen Iron Man machen lassen würde. Wenn er bestimmen würde, dass das gut für mich sei, weil ich mir dann einen Lebenstraum erfüllen kann, bevor ich zu alt dafür sein werde und mir die nötige Leistung nicht mehr antrainieren kann. Ja, ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als irgendwann einmal durch die Ziellinie eines solchen Wettbewerbs zu laufen, doch das ist gerade ganz weit von meinen momentanen Ressourcen und Fähigkeiten entfernt. Würde er mich also denoch jeden Tag aufs Fahrrad setzen, mich Runden laufen und Bahnen schwimmen lassen – ich fände es wohl auch ziemlich mies. Ich würde darum betteln es sein zu lassen, weil ich das derzeit gar nicht leisten kann. Weil mir wahrscheinlich schon nach 2km Laufen nach Aufgeben zu mute wäre. Was wäre aber, wenn er etwas im Blick hat, das ich nicht zu sehen bereit bin? Das ich das Potenzial habe. Und viel wichtiger noch. Dass ich es eigentlich von ganzem Herzen gerne will. Ist es dann mehr Fürsorge als Quälerei?