Ich begann mich immer wieder innerlich davon zurück zu halten etwas über mich, uns als Familie oder Tilli zu schreiben. Ich kam mir heuchlerisch und unehrlich vor. Weil ich an Grenzen gestoßen bin, die ich für moralisch verwerflich hielt. Weit weg von der bedürfnisorientierten Bindung, die ich mir so sehr wünschte.
Wer uns seit Beginn auf Instagram folgt, weiß wie sehr wir Tilli lieben. Wie wichtig es uns ist ihn nicht nur zu unterstützen, sondern auch absolut auf Augenhöhe zu betrachten. Wir wollten stets mit Stolz auf ihn blicken und dadurch den Blick anderer unbewusst vorbeilenken, an dem was eben auch da war. Das ist nicht inklusiv. Es ist schlichtweg genau das Verhalten, was wir bei Außenstehenden gern vermeiden wollen.
Die Wirklichkeit war allerdings eine andere. Denn unsere Geschichte lebt von uns allen. Und als unsere Familie wuchs, war das nicht einfach herausfordernd, weil wir Zwillinge bekamen. Es war nicht nur der Belastung dadurch geschuldet, dass ein Kind unfassbar viel schrie und wir unvorstellbar wenig schliefen. Ich hatte einfach völlig übersehen wollen, was diese Schwangerschaft, die Tilli und mich immer mal wieder tagelang voneinander trennte, das erste Babyjahr und die Ankunft seiner Geschwister für Tilli bedeuteten. Dabei sah ich es oft. Wo immer ich konnte fing ich auf, was ging. Im hilflosen Reagieren auf seine Angst, seinen Verlust und seine Wut, blieb es allerdings nicht aus, das manches eben doch auf dem Boden der Tatsachen aufkam, eine Macke bekam oder sogar zu Bruch ging.
„Unsere Exklusivzeit belief sich irgendwann auf Therapieeinheiten und Übungen zu Hause.“
Tilli war nicht einmal zwei Jahre alt, als die Zwillinge kamen. Er konnte noch nicht eigenständig laufen, nicht reden und nur bezogen auf das Elementarste mit Gebärden zeigen, was er wollte. Er war noch so sehr auf uns angewiesen und von einem Tag auf den anderen, konnten wir dem nicht mehr nachkommen. Wir trugen schreiende Babys auf dem Arm. Dauerwährend. Ich stillte. Gefühlt immer. Und unsere Exklusivzeit belief sich irgendwann auf Therapieeinheiten und Übungen zu Hause.
Es dauerte nicht lange, bis sich Verhaltensweisen zeigten, die für mich nur schwer zu ertragen waren. Sei es das Einschlafen, was nicht mehr alleine ging. Das Werfen von Gegenständen. Alles noch aushaltbar. Doch dann kam die Wut. Mit ihr kamen das hauen, kneifen, kratzen und beißen. Er war so unberechenbar grob, dass ich selbst Kraft aufwenden musste, um Schaden von seinen Geschwistern abzuhalten und ihn von ihnen wegzubekommen. Schließlich kamen Wutanfälle bei denen er den Kopf auf den Boden schlug. Nicht einmal, nicht leicht. Sondern schmerzlich, immer wieder und mit dem Hinterlassen von Beulen und blauen Flecken.
Selbst heute kann ich es kaum denken, sagen oder hier aufschreiben, weil mich die Angst plagt, jemand könne Tilli und mich dafür diskriminieren, dass er sich so zeigte und ich damit nicht umgehen konnte. Doch die Angst dies für immer in mein Herz einzuschließen und mich davon innerlich erpressen zu lassen, ist größer.
„Und während er bereits über diese Wut hinaus wuchs, hing ich noch darin fest und ängstigte mich.“
Der Grund aus dem ich mich mit Erhalt des positiven Schwangerschaftstests unseres Nachzüglers für eine Therapie entschied, war jedoch ein anderer. All das was ich mit einem Großmaß an Liebe zu deckeln versuchte, dem ich Halt und Vetrauen entgegen stellen wollte, wich irgendwann der Ohnmacht, es nicht ändern zu können. Es machte der Angst Platz, etwas unwiderbringlich falsch und kaputt gemacht zu haben. Die Zukunft wurde zu einem grässlichen Ungeheuer in meinem Kopf. Wie soll das nur werden? Was wenn Tilli immer diese Wut zeigt? Und während er bereits über diese Wut hinaus wuchs, hing ich noch darin fest und ängstigte mich.
Wann immer er seine Geschwister drangsalierte, sich auf den Boden warf oder in irgendeiner Form rebellierte, brachte es mich unweigerlich genauso in Not wie ihn. Je größer diese Not wurde, dass wir keine Basis mehr hatten, desto größer wurde die Hilflosigkeit und die Wut. Ich war so wütend. Meine Kehle schnürte sich mir zu. Ich wollte manchmal laut schreien, einfach wegrennen oder Tilli anbrüllen. Und immer wenn diese Wut sich Luft machte und ich ungerecht oder laut wurde, entbrannte ein ungeheurer Hass auf mich selbst. Auf die Unfähigkeit ihn bedingungslos zu lieben. Es eben nicht einfach annehmen zu können, wie ich es ihm und jedem anderen meiner Kinder wünschen würde. Wie ich es jedem Menschen auf der Welt wünschen würde. Also strengte ich mich mehr an. Ich strengte mich tatsächlich mehr an, Liebe in mir zu finden. Je mehr ich mich anstrengte, desto mehr entzog sie sich mir. Bis ich diesen Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Den unseres geschenkten Kindes.
„Ein Funken Glaubens“
Der Weg zurück zu mir, war der Weg durch die Wut hindurch. Ich musste lernen sie abebben zu lassen. Es aushalten in dem kleinen Funken Glaubens daran, dass es mich nicht zerbrechen wird. Das es Tilli nicht zerbrechen wird. Das es uns nicht zerbrechen wird. Ich lief durch all diese Selbstzweifel, all den Hass und die Scham, bis ich irgendwann da ankam, wo ich heute bin.