Es entspannte mich, dass wir jeden Tag aufs Neue ein vorbildliches CTG schrieben und auch der Ultraschall keine Überraschungen aufzeigte. Mir und dem Baby ging es gut. Ich war froh, dass wir gemeinsam eine Entscheidung getroffen hatten, die für uns die richtige war. Das erleichterte das Warten um ein vielfaches. Rückenschmerzen, Müdigkeit und das Gefühl im behäbigen Körperumfang eines Wals zu stecken waren nur noch Begleiterscheinungen.
Mittlerweile kannte ich fast alle Hebammen der Station sowie die meisten Ärzte. Im Gegenzug kannte jeder mich und Nummer 4. Man drängte uns nicht. Was daran gelegen haben könnte, dass die Zeit es von allein entscheiden würde. Nach 10 Tagen des Übertragens würden wir einen Plan fassen müssen. Eine Einleitung war unter den Voraussetzungen der vorhergehenden Sectio eine eher wenig beliebte Option. Ich schloß innerlich meinen Frieden damit, dass wir erneut ein Baby per Kaiserschnitt zur Welt bringen könnten, solange nur ein Wunsch sich erfüllte: Mein Baby zum ersten Mal nach der Geburt auf die Brust gelegt zu bekommen.
So vergingen die Tage. Meine Schwester würde uns noch bis zum ersten Augustwochenende unterstützen können. Ich glaube, innerlich redete auch sie dem Baby gut zu, dass es eher bald kommen möge. Letzten Endes begnügten wir uns aber damit, es nicht beeinflussen zu können und genossen die gemeinsame Zeit.
Am Sonntag waren wir mit den Zwillingen allein, während meine Schwester Tilli mit zum Wandern genommen hatte. Das Wetter war mäßig gut, und wir mussten unseren Besuch auf dem Spielplatz abbrechen, weil es plötzlich gewitterte. Frida, Janosch, Alfi, Jackson und ich stellten uns unter und sahen den zuckenden Blitzen zu, die vom grollenden Donner gefolgt wurden. Mir schoß der Satz meiner Schwester durch den Kopf, dass das die besten Voraussetzungen seien, damit die Fruchtblase platzt. Das einzige was sich ergoss, war der Regen auf den Spielplatz.
Wieder zu Hause im Trockenen angekommen, bereitete Alfi das Abendbrot vor, während ich mit Frida und Jansoch Verstecken spielte. Die beiden saßen in Tillis Zimmer auf dem Boden und zählten, während ich mit dem Babybauch zum nächsten Versteck hastete. „Eis, Sei, Drei, Vier.“ Pause. „Sechs, Sieben.“ Pause. „Zehn. Kommen!“ Ich stehe in meinem recht unkreativen Versteck hinter dem Vorhang im Babyzimmer, wo Jackson mich bereits bei „Sei“ gefunden hat. „Piep Mal, Mama!“ Ich muss kichern, weil es so drollig ist. „Piep!“, mache ich, als es plötzlich nass wird. Verdutzt schaue ich an mir herab und trete aus meinem Versteck hervor. „Da, Mama!“ stürmen die Kinder auf mich zu. Ich freue mich mit den Kndern über ihren Erfolg. Am meisten freue ich mich aber über die geplatze Fruchtblase und danke still dem Gewitter.
Ich rufe meine Hebamme an und schildere die Situation, auch, dass ich noch keinerlei Wehen habe. Kurz kommt wieder der große Wunsch in mir auf einfach zu Hause unser Kind zu bekommen, doch mit unserer Vorgeschichte haben wir uns für die Klinik entschieden. Also beschließen wir, dass ich noch die Kinder mit ins Bett bringe und dann rüber gehe. Denn heute oder morgen, werden wir definitiv jemand mehr sein.
Alfi fährt mit mir rüber, nachdem die großen Kinder sich verabschieden konnten und Mama und dem Baby viel Spaß bei der Arbeit gewünscht haben. Darüber muss ich noch schmunzeln als wir am Kreißsaal klingeln und sich die automatische Tür öffnet. Die diensthabende Hebamme ist von der alten Schule, und ich weiß, spätestens nach dem fünften Angebot eines Einlaufs `um die Wehen mal in Gang zu bringen` weil `das haben wir früher immer so gemacht´ dass wir kein ideales Team sind. Da jedoch noch keine Wehen spürbar sind und auch das CTG nur kleine Wellen aufweist, dürfen wir vorerst unser Zimmer beziehen und ich hoffe einfach auf eine Hebamme zum Schichtwechsel, mit der ich auf einer Welle bin.
Die diensthabende Ärztin ist selbst noch jung und begleitet uns bereits seit dem suspekten CTG. Wir gehen noch einmal alle Aufklärungsbögen durch, auch den für eine mögliche Sectio. „Das besprechen wir nur jetzt vor den Wehen als Option. Wenn es nach mir geht, dann lassen wir Ihrem Kind Zeit. 18 Stunden haben wir Zeit, in denen es sich einfach von selbst auf den Weg machen kann. Sollte bis dahin nichts passieren, entscheiden wir neu. Ok?“ „Ja,“ antworte ich ihr erleichtert.
Um 21:30 Uhr klopft es an unsere Tür. Herein kommt eine Hebamme in unserem Alter. Sie hat etwas unheimlich liebevolles und beruhigendes an sich, so dass ich mich direkt entspanne. Langsam zieht es auch immer mal wieder. Da ich jedoch noch nichts groß veratmen muss, entscheiden wir Alfi nach Hause ins Bett zu schicken, damit er im Idealfall noch etwas schlafen kann. „Sollte es dann irgendwann losgehen und du willst nicht mehr allein sein, rufst du mich oder kommst einfach vor in den Kreißsaal. Wir rufen den Papa dann, wenn es wirklich losgeht.“
Kurz darauf liege ich im leichten Dämmerschlaf in meinem Krankenhausbett. Wie ich da so liege kommen die Wehen langsam aber sicher mit mehr Kraft. Ich kann fühlen wie sie sich anbahnen, der Druck stärker wird, sie einen Höhepunkt erreichen und wieder abebben. Es ist noch ein gutes Gefühl. Anstrengend und ein wenig kräftezehrend, aber noch nicht wirklich schmerzhaft. Ich atme mich durch die Wehen hindurch, bin ganz bei mir und dem Baby und fühle mich gut. Mein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es 23:15 Uhr ist. Alfi konnte etwa eine Stunde Schlaf genießen. Da ich mich noch gut fühle, möchte ich ihm mehr Ruhe gönnen.
30 Minuten später muss ich mich schon mehr auf das Kommen und Gehen de Wehen konzentrieren. Ich entschließe Richtung Kreißsaal aufzubrechen. Vorne ist der Platz verwaist. Deshalb nutze ich den Flur um auf und ab zu gehen. Etwa alle 3 Minuten muss ich am Handlauf innehalten, atmen, mich konzentrieren. Alleine sein macht immer weniger Spaß, also gehe ich zurück auf mein Zimmer und drücke die Klingel. Kurz darauf öffnet sich die Zimmertür, während ich auf dem Bettrand sitze und tief in meinen Bauch atme. „Geht´s los?“, strahlt mich die Hebamme an. Ich nicke und atme. „Gut, nimm dir Zeit für deine Wehe. Wenn sie durch ist, gehen wir zusammen vor und schauen mal weiter.“
In den letzten Monaten der Schwangerschft haben mir sowohl Bekannte, als auch weniger Bekannte bis Fremde immer wieder eine schnelle Geburt prophezeit. Beim vierten Kind, klar geht das schnell! Dass sich mein Gehirn das gespeichert hat, merke ich an der Enttäuschung darüber, dass es erst 2 Zentimeter sind. Meine Hebamme sieht es mir direkt an. „Weißt du, ich denke ihr seid kein Team für eine Hauruck-Aktion. Dein Baby hat einen genauen Plan. Vetrau darauf. Wie geht es dir denn?“ „Gut soweit. Noch ist es auszuhalten.“ „Sollen wir deinen Mann schon anrufen?“ Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass es 00:55 Uhr ist. „Nein, lass ihn noch ein wenig schlafen.“ „Ok.“ Zwischen den Wehen bleibt meine Hebamme bei uns. Wir reden. Über unsere Kinder. Darüber wie es ist als Hebamme selbst zu entbinden. Über das Dasein als Mama. Die Gespräche zwischen den Wehen lenken mich ab, geben mir Sicherheit, dass da noch genug Kraft ist.
„Wollen wir durch ein Zäpfchen die Wehen etwas verstärken?“, fragt sie mich irgendwann. Nickend gehe ich in die nächste Wehe. Das verabreichte Zäpfchen wirkt schnell. Wehe für Wehe wird intensiver, zieht mehr Kraft und macht die Pausen dazwischen noch wertvoller. Ich will nochmal auf die Toilette. Dort angekommen, bin ich dankbar für Haltegriffe und festen Boden unter den Füßen. Meine Hebamme legt mir beruhigend die Hände auf meine schlotternden Knie. „Ist dir schlecht?“ „Ja, irgendwie schon, aber ich habe nicht das Gefühl mich übergeben zu müssen.“ „Das ist gut. Dein Muttermund öffnet sich jetzt. Das geht oft mit Übelkeit einher. Hältst du es für ein paar Wehen hier im Sitzen aus, um die Schwerkraft zu nutzen?“