41 + 0 oder wie am Ende alles gut wird / Teil I

Dass ich bisher noch nie einen Geburtsbericht verfasst habe, liegt, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, daran, dass ich mit den beiden vorangehenden Entbindungen lnge Zeit nicht vollends meinen Frieden schließen konnte. Weder weil unsere erste Geburt in Hektik und Notverlegung endete, noch weil die zweite ein notwendig gewordener Kaiserschnitt war. Beides hat unseren Kindern den bestmöglichen Start ins Leben verschafft. Vielmehr lag es an dem Gefühl kaum selbstbestimmt erfahren zu haben, was es heißt mein Kind spontan zu bekommen.

Bis heute bin ich allen Ärzten, Schwestern, Hebammen und allen voran Alfi dankbar, dass wir in den kritischen Momenten der ersten Geburten vor allem das Wohl der Kinder im Blick hatten und jeder alles daran gesetzt hat, dass sie wohlbehalten auf diese Welt kommen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie mich für diese letzte Entbindung unbewusst bestärkt haben. Auf mein inneres Frühwarnsystem zu hören. Fakten und Meinungen abwägen zu können. Und für mich und meine Familie gute Entscheidungen zu treffen.

Doch zurück zur Ausgangssituation. In der 36 SSW hatte ich bereits starke Senkwehen. Daraufhin haben wir in Rücksprache mit meiner Hebamme besprochen, ab jetzt wirklich piano zu machen. Denn wenn ich eine unkomplizierte spontane Entbindung nach Kaiserschnitt anstrebte, sollte ich tunlichst über die 38 SSW kommen, damit kein Frühchenstatus uns nimmt, was wir uns so sehr wünschten: unser Kind zum ersten Mal nach der Geburt bei uns behalten zu dürfen. Haut an Haut. Mit Babyduft in der Nase. Und dem guten Gefühl, dass uns nichts so schnell wieder trennen kann.

Ich glaubte ein Gefühl in mir zu haben, dass sich Nummer 4 eher auf den Weg machen wird. Im Nachgang betrachtet kann ich lachend sagen, dass ich es einfach gehofft hatte. Die Schwangerschaft fing an beschwerlich zu werden. Ich ging mir hormonell selbst auf den Geist. Wollte mit den Kindern wieder kuscheln, ohne dass der Bauch gefühlte Tonnen wog und mich körperlich einschränkte. Ja, ich kann es nicht leugnen, ich hatte es satt. So sehr, dass ich ziemlich lange Spaziergänge unternahm, mich generell viel bewegte, um dann abends wieder über müe Füße und einen schmerzenden Rücken zu jammern.

Am 19.07.2020 stand der errechnete Termin an. Meine Schwester war bereits samt Mann und Tochter angereist, um unseren großen Kindern Ferien von zu Hause aus zu ermöglichen und uns im Fall der anstehenden Entbindung den Rücken frei zu halten. Wir hätten locker zwei Staffeln „Alle unter einem Dach“ oder „Full House“ mit Material versehen können. Ich bin für diese Zeit unheimlich dankbar. Für das ständige Lachen in unserer großen Wohnung, Spieleabende, gemeinsame lange Spaziergänge und diese unnachahmliche Gefühl von Großfamilie. Es hat mich von Tag zu Tag getragen. Bis am ET die ersten Wehen einsetzten.

Alle waren ausgeflogen und ich sollte mich zu Hause ausruhen. Da zog es ungewohnt und gleichzeitig vertraut. Ich horchte tief in mich hinein. Wollte sichergehen, dass ich mich nicht täuschte. Das tat ich alle 5 bis 7 Minuten. Es brauchte trotzdem eine Stunde, bis ich daran glaubte, dass wir noch ein termintreues Kind bekommen könnten. Als Alfi, die Kinder und meine Schwester wieder nach Hause kamen, stand ich triumphierend lächelnd im Türrahmen. „Ich denke es geht los“, freute ich mich, während Alfi kurz die Kinnlade runterfiel. „Wirklich? Hast du alles gepackt? Sollen wir direkt los?“ Ich muss lachen. Meine Schwester mit. Um uns herum sausen die Kinder in die Küche, weil es Abendbrot geben soll. „Keine Panik, es sind erst leichte Wehen. Ich lege mich nochmal hin und wir schauen, ob sie stärker werden. Dann können wir in aller Ruhe los, nachdem die Kinder gegessen haben und ins Bett verschwunden sind.“ Alfi scheint erleichtert, aber leicht rastlos. Und an seiner Reaktion und der kleinen Aufregug merke ich erst, wie sehr ich mich über die Wehen freue.

Eineinhalb Stunden später verabschieden wir uns von den Kindern und gehen zum Auto, während ich immer mal kurz eine Wehe veratme. Noch sind sie auszuhalten, doch wir haben mit den Hebammen und Ärzten besprochen uns früh zu melden, um Komplikationen zu vermeiden. Kurz überlegen wir einfach rüber zu gehen, denn unsere Entbindungsklinik liegt genau genommen nur quer über die Straße. Doch das würde bei den Wehen im Drei-Minuten-Takt gefühlt ewig dauern. So brauchen wir nur fünf Minuten bis wir uns im Flur auf dem Weg zum Kreißsaal befinden. Vor dessen Tür angekommen, klingeln wir und werden von der diensthabenden Hebamme liebevoll empfangen. Es geht ans CTG. Die Herztöne sind gut, ich habe keine Schmerzen im Bereich der Kaiserschnittnarbe und die Wehen sind kräftig und sehr regelmäßig. Voller Vorfreude lasse ich mich also untersuchen, nachdem ich nun schon seit bald drei Stunden gute Wehen habe. „Das Köpfchen liegt noch etwas weit hinten, aber wir haben die ersten zwei Zentimeter“, sagt die Hebamme und strahlt mich an. Ich schaue zu Alfi, dann auf das CTG, und wieder auf meinen Bauch. „Mehr nicht?“ „Das ist doch gut,“ meint die Hebamme und bringt uns auf ein Zimmer. Doch ehrlich gesagt bin ich enttäuscht. Was daran liegen könnte, dass mir in den letzten Wochen, jeder der mich gesehen hat, mir quasi eine schnelle Geburt versprochen hatte. Das hat sich mein Gehirn sehr gut eingeprägt. Darum fühlte ich mich jetzt irgendwie betrogen. Was total albern war, aber unter den hormonellen und situativen Voraussetzungen konnte ich der Sache nichts lustiges abgewinnen. Also gingen Alfi und ich auf dem Krankenhausgelände spazieren, um der Natur etwas Hilfestellung zu bieten. Doch späetestens bei der zweiten Runde, konnte ich es fühlen. Die Wehen ließen nach.

„Kein Grund traurig zu sein. Ich denke es geht heute Nacht richtig los. Lasst euch Zeit. Das wird schon.“ Und so schloss man mich wieder an das CTG, um zu sehen, was sich nach einer Nacht im Krankenhaus für mich und für Alfi im heimischen Bett, doch bewahrheitete. Wir ließen uns noch Zeit. Ganze weitere 8 Tage.

 

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